PETER ANDROSCH

Künstlerischer Leiter

Wolfgang Neiser

Künstlerischer Leiter,

Museen der Stadt Regensburg

Zum Geleit

Introduction

Die Ende des 13. Jahrhunderts erbaute Regensburger Minoritenkirche St. Salvator gehört zu den herausragenden Beispielen der Bettelordensarchitektur in Süddeutschland. Aufgrund ihrer hervorragenden Akustik entwickelte sie sich in den letzten Jahrzehnten zu einem beliebten Spielort klassischer und zeitgenössischer Musik. Viele der auftretenden Künstler haben in der Vergangenheit zu diesem seit 1803 säkularisierten Kirchenraum ein besonderes Verhältnis entwickelt. So auch die Musiker*innen, die 2016 auf Initiative des Linzer Komponisten Peter Androsch im Rahmen seiner Phonographie-Ausstellung in der Minoritenkirche vier Konzerte zeitgenössischer Musik gaben.

Aus dieser kleinen Konzertreihe heraus wurde die Idee zu REVERB geboren. Raum, Hall und Musik gehen dabei eine einmalige künstlerische, wie programmatische Symbiose ein, die zu einem außergewöhnlichen Hörerlebnis zeitgenössischer Musik führt. Dafür möchte ich den beiden künstlerischen Leitern Peter Androsch und Wolfgang Neiser, die mit viel Leidenschaft dieses Festival entwickelt und zur Umsetzung gebracht haben, sowie allen Unterstützern, Förderern und Mitwirkenden, die REVERB zum Klingen bringen, an dieser Stelle meinen herzlichen Dank aussprechen.

 

Built in the 13th century, the Minorite church St. Salvator in Regensburg is one of the most impressive examples for the architecture of the mendicant orders in southern Germany. Due to its excellent acoustics it has become a popular venue for performances of classical and contemporary music in the past decades. Many of the artists who have performed in the church that was secularised in 1803 have developed a special relationship to it. As have the musicians who performed four contemporary concerts in 2016 in the course of the composer Peter Androsch’ Phonography exhibition in the Minorite church.

Out of this small concert series the idea for the REVERB festival was born. Space, reverb, and music enter into a uniquely artistic, but also programmatic symbiosis, and create an exception listening experience of contemporary mu- sic. For this I want to thank the artistic directors Peter Androsch and Wolfgang Neiser who passionately developed and produced the festival, as well as all the supporters, patrons, and contributors that made REVERB sound.

Klemens Unger

Kulturreferent der Stadt Regensburg

Cultural Advisor for the City of Regensburg

Über 500 Jahre hinweg versammelte sich der Regensbur- ger Konvent der Minderbrüder des Hl. Franz von Assisi in ihrer Klosterkirche zur Tagzeitenliturgie. Der Wechsel von Gebet und Arbeit gab dem Tagesablauf eine feste Struktur und einen gleich- bleibenden Rhythmus. Das Stundengebet beginnt nachts mit der Matutin, am Morgen folgen Prim und Laudes, der Vormittag wird unterbrochen durch die Terz, am Mittag folgt die Sext, sowie am Nachmittag die Non. Die Vesper und die Komplet beschließen den Tag als Abend- und Nachtgebet. Mit jedem Chorgebet erfüll- ten die Mönche von St. Salvator den Raum mit Psalmen, Cantica und Antiphonen. Meist geschah dies im Wechselgesang. Jeder Psalmvers, jede Strophe und jedes Responsorium wird von der Akustik des Raums solange getragen, bis nach einer Atempause der neue Vers erklingt. Es entsteht eine  ießende Wellenbewe- gung, die sich aus abwechselndem Singen und Hören zusam- mensetzt.

Diese Grundstruktur und Dynamik des monastischen Chor- gebets greift REVERB bewusst auf. Ausgehend von den Horen der klösterlichen Tagzeitenliturgie und dem Wechsel zwischen Raum, Hall und Musik wird der Kirchenraum für einen Tag zum Resonanzkörper, gleichsam zum Instrument hauptsächlich zeit- genössischer Kompositionen. In diesem Zusammenspiel, in das als Besonderheit die drei historischen Orgeln der Kirche musi- kalisch eingebunden sind, ö net sich den Festivalbesucher ein akustischer und visueller Kosmos, der in seiner personalen In- existenz wohl dem Numinosen und Transzendenten nahe kommt und der Kosmos aus Hall, Raum und Musik durch die Wahrneh- mung jedes Einzelnen nicht verhallen, nicht verklingen und in der Erinnerung an diesen Tag nicht verstummen möge.

 

For over 500 years, the Regensburger convent of Friars Minor of St. Francis of Assisi assembled in their monastery church for canonical hours. The alterati- on of prayer and work gave their days structure and a consistent rhythm. Every choral prayer  lled the space with psalms, cantica, and antiphones. Mostly this was done in alternating choirs. Every psalm verse, every stanza, every respon- sory is carried by the acoustics of the space until the next verse sounds after the pause for breath. This creates a wave-like movement that consists of singing and listening.

REVERB consciously takes up on this basic structure and dynamic. Based on the canonical hours and the interplay of space, reverb, and music the church space transforms into a resonance body and an instrument for mainly contem- porary composition for one day.

Wolfgang Neiser

Künstlerischer Leiter, Museen der Stadt Regensburg

artistic director, Museums of the City of Regensburg

Schon viele Jahre begleiten mich die grundsätzlichen Fragen, die sich aus der Beschäftigung mit Schall ergeben. Sei es die philosophische, weshalb wir uns selbst „Personen“, also „Durch-klin- ger“, nennen. Sei es, Demokratie tatsächlich in der akustischen Sphäre zu verankern und damit „eine Stimme haben und Gehör finden“ als Gradmesser gesellschaftlicher Zustände zu begreifen. Sei es, weitergedacht, Schall als physisches und damit räumliches Phänomen zu betrachten. Die bewegte Luft wird somit die conditio sine qua non des menschlichen Lebens. Schall und Klang geben uns umfassende Rauminformation, - und das ununterbrochen. Klang und Raum sind eins, - auch etymologisch. Wer auf die Worte „Hall“ und „Halle“ schaut, erkennt das sofort. Auch in der Regensburger Minoritenkirche löst der erste Tritt Schallwellen aus, die mit 340 Metern pro Sekunde durch den Raum sausen. Reflektiert kommen sie als „überirdischer“ Hall zurück. Das lateinisch-englische „Reverb“ meint diesen Nachhall. Die lateinische Wurzel des Wortes verweist aber gleichzeitig auf die „Ant-wort“. Der Raum antwortet demnach mit (Nach)hall seinen Besuchern. Die Trias Hall, Raum und Musik stellt in der Musikgeschichte eine dauernde Herausforderung dar. Sei es das Echo in den Bergen (Jodeln!) oder die ausgeklügelte venezianische Mehrchörigkeit im Barock. Manche Gründe für die Entwicklung dieser Musizierpraxis liegen wohl in der Erweiterung des Denkens. Wegmarken dafür sind die Entdeckung Amerikas 1492, die Heliozentrik des Nikolaus Kopernikus oder die Wiederentdeckung der Perspektive in der Malerei. Die Musik erhält durch die ausdrückliche Betonung ihrer Räumlichkeit eine nahezu kosmische Dimension. Auch heute erleben wir eine immense Erweiterung unserer räumlichen Vorstellungen. Marksteine dabei sind virtuelle Räume, Satelliten, Blick in Nanowelten, Robotik. Die räumliche Dimension gehört von jeher zu den elementaren Gestaltungsfeldern der „Kunstmusik“. Auch dies unterscheidet sie von der Popularmusik, die an jedem Ort und für jeden Menschen gleich klingen soll, um den Warencharakter zu erhalten.

Schall ist per se eine Funktion des Raumes, und damit auch die Musik, die (mit der Architektur) die Schallkunst schlechthin ist. Dagegen erklärte Bruno Maderna einmal, eine miserable musikalische Ausführung könne einem zeitgenössischen Werk eigentlich nichts mehr anhaben. Durch die Partitur und das graphische Zeichensystem könne man doch „erlesen“, ob das Werk etwas wert sei oder nicht, man es also gar nicht hören müsse. Ein grandioser Irrtum. Schall ist nur körperlich-räumlich zu verstehen - und damit auch die Musik.

Jedes Werk bei REVERB ist von diesem Gedanken durchdrungen, - sei es vom jungen Multimedia-Künstler Domas Schwarz (*1991), dem Klangtitanen James Tenney (*1934, †2006), der Improvisations- und Kompositionskünstlerin Elisabeth Harnik (*1970), der Ikone der Neuen Musik, So a Gubaidulina (*1931) oder dem legendären Giovanni Pierluigi da Palestrina (* ca. 1525, †1594). Insgesamt 77 Beiträge von mehr als fünfzig Autoren präsentiert von mehr als sechzig Mitwirkenden ergeben eine KATHEDRALE DES KLANGS, ein Raum-Zeit-Kontinuum mit faszinierenden Beiträgen aus Klanginstallationen und Musik von fünf Uhr am Morgen bis Mitternacht.

 

For many years fundamental questions that arose from dealing with sound have accompanied me. Be these of a philosophical nature, such as the questi- on why we call ourselves “persons”, which is related to “to sound through”. Be this the thought of considering democracy to be placed in the acoustic sphere and thereby understanding “having a voice and making it heard” as an indicator of the social state. Be it thinking one step further, and understanding sound as a physical, and therefore spacial phenomenon. The moved air therefore becomes the conditio sine qua non of human life. Sound and tone give us comprehensive information about space – continuously.

Reverb and space are one, - also etymologically (*in German). When look- ing at the German words “Hall” (*meaning reverb) and “Halle” (*meaning hall), this becomes apparent immediately. In the Regensburger Minoritenkirche this can be intensely witnessed. The  rst steps set o  sound waves (moved air), that travel through the space at 340 metres per second. These “celestial” waves return to us as re ections. The English term “reverb” describes precisely this. The Latin root of the word points towards the word for “answer”. The space answers its visitors.

The triad of reverb, space, and music has always presented itself as a chal- lenge within music history. Be this as an echo in the mountains (yodelling!), or the sophisticated, Venetian polychoral models from the Baroque. The foundati- on of the development of such musical practices can be found in an expansion of thought. Milestones for this are the discovery of the Americas in 1492, the heliocentric world view by Nicolaus Copernicus, or the re-introduction of per- spective in painting. By accentuating the spacial element of music, it gains a practically cosmic dimension.

Also today we are witnessing an immense expansion in our spacial percep- tion. Milestones here are virtual spaces, satellites, the rst glimpses into na- no-worlds, or robotics. The spacial dimension is one of the elementary  elds of conception for progressive music. This is something that clearly separates it from popular music in which the music is supposed to sound identical in every space for every person, in order to preserve its function as a product.

Sound per se is a function of space, and therefore music is as well, consi- dering that music (together with architecture) is by de nition sound art. Bruno Maderna once explained that a miserable musical performance can cause no harm to a contemporary piece. Using only the score, and the graphic systems of symbols, it is possible to “read” whether or not a piece is good, thus eliminating having to hear it. A grand mistake. Sound can only be understood as physical and spacial – therefore the same applies to music.

 

Every piece during REVERB was in uenced by this train of thought – be this the work of the young multimedia artist Domas Schwarz (*1991), that of the sound titan James Tenney (*1934, †2006), of the improvisation- and com- position artist Elisabeth Harnik (*1970), of the icon of new music So a Gubai- dulina (*1931), or of the legendary Giovanni Pierluigi da Palestrina (* ca. 1525, †1594). All in all 77 contributions by over 50 di erent authors are presented by over 60 di erent artists which together make the CATHEDRAL OF SOUND, a space-time-continuum of fascinating contributions that consists of sound instal- lations and music from 5 am to midnight.

Peter Androsch

Künstlerischer Leiter

artistic director

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